Stützpfeiler Telegram. Wie Rechtsextreme und Verschwörungsideolog:innen auf Telegram ihre Infrastruktur ausbauen

Authors: Lea Gerster, Richard Kuchta, Dominik Hammer & Christian Schwieter
Published: 17 December 2021

Die Studie des ISD Germany über die rechtsextreme Nutzung von Telegram dient als Gegenstück zum „Fluchtwege“-Report. Sie untersuchte Links, die von dem umstrittenen Messengerdienst zu anderen Plattformen geteilt und in den Kanälen von Rechtsextremen, Rechtsradikalen und Verschwörungsideolog:innen im deutschen Sprachraum verbreitet wurden. Der Fokus lag dabei auf kleineren Plattformen, die nicht unter die Löschpflicht des NetzDG fallen. Jedoch wurden auch Links zu größeren Plattformen wie YouTube, Facebook und Twitter untersucht, weil sich in dem erhobenen Datensatz beinahe doppelt so viele Links zu diesen Plattformen fanden als zu denen, die nicht vollends unter das NetzDG fallen.

Für diesen Bericht sammelte das ISD-Team zwischen dem 1. Januar und 12. September 2021 659.110 Nachrichten von 238 öffentlichen Kanälen aus dem rechtsextremen, rechtsradikalen, Reichsbürger- und verschwörungsideologischen Spektrum. Aus diesen Nachrichten wurden 371.988 Links extrahiert, die zu 8.252 Domains führten. Die Forschenden des ISD Germany untersuchten Domains, die mehr als 15-mal geteilt wurden und identifizierten soziale Netzwerke und Plattformen. Anhand dieser Methode konnten folgende Erkenntnisse gewonnen werden:

  • Die untersuchten Akteur:innen aus dem rechtsextremen und verschwörungsideologischen Spektrum teilten auf Telegram eine Vielzahl von alternativen Plattformen, jedoch scheint keine dieser Plattformen von zentraler Bedeutung für die rechtsextreme Szene in Deutschland zu sein. Vielmehr dient Telegram selbst als Sammelbecken für Personen und Organisationen, deren Profile von größeren Plattformen gelöscht wurden.
  • Audiovisuelle Plattformen wie Video- und Livestreaming-Seiten sind bei Rechtsextremen und Verschwörungsideolog:innen auf Telegram besonders beliebt. Die beliebtesten Webseiten dieser Kategorie wurden außerhalb des deutschen Sprachraumes aufgesetzt. Die beobachteten Kanäle teilten aber auch Plattformen, die von deutschsprachigen Personen aufgesetzt wurden.
  • Lediglich acht Prozent aller Links, die auf die im Datensatz erfassten 8.252 Zieldomains verwiesen, führten zu einer alternativen Plattform, die mehr als 15-mal geteilt wurde. Die meist geteilten Domains gehören zu etablierten Plattformen, Desinformationsseiten sowie etablierten Medienhäusern.
  • Einzelne »Poweruser« spielen eine zentrale Rolle für das Verlinken auf der Plattform. Sie gehen hierbei strategisch vor und werben für ihre Profile auf einer Vielzahl von verschiedenen Plattformen. Dieses bereits im vorangegangenem »Fluchtwege«-Report des ISD beobachtete Phänomen konnte auch für die Plattform Telegram festgestellt werden. Manche Nutzer:innen bauen sich, wie das Beispiel Attila Hildmann zeigt, komplexe Netzwerke zwischen verschiedenen Kanälen und Gruppenchats auf, um ihre Reichweite zu vergrößern.
  • Extremistische Akteur:innen nutzen weiterhin häufig Plattformen, welche unter dem NetzDG angewiesen sind, illegale Inhalte rasch zu löschen. Mit 16 Prozent führten doppelt so viele Links im untersuchten Datensatz auf etablierte Seiten als auf kleinere Plattformen, die unterhalb der gesetzlichen Lösch- und Meldewegpflicht operieren. Es scheint, dass trotz Regulierungsbemühungen seitens der Plattform bei Rechtsextremen und Verschwörungsideolog:innen weiterhin massives Interesse an der Nutzung von etablierten Plattformen, insbesondere YouTube, besteht. Anstatt des zu erwartenden (und in Fällen »deplatformter« Extremist:innen beobachteten) Effektes, dass eine Nutzung von etablierten Plattformen unterlassen wird, ist hier ein andere Dynamik erkennbar. So ändern Extremist:innen auf den etablierten Plattformen ihre Kommunikationsstrategie und platzieren dort weichere Inhalte, um nicht gelöscht zu werden. Für radikalere bzw. extremere Inhalte werden dann ihre Follower auf alternativen Plattformen wie Telegram verwiesen.

Lea Gerster ist Analystin beim ISD. Sie befasst sich mit der Verbreitung von extremistischen Ideologien, Desinformation und Verschwörungsmythen im deutschen und englischen Sprachraum. Zuvor arbeitete sie im Bereich der digitalen Extremismusbekämpfung bei Think Tanks und Beratungsfirmen in London. Sie ist Co-Autorin der ISD Forschungsberichte »Krise und Kontrollverlust«, »Überdosis Desinformation: Die Vertrauenskrise – Impfskepsis und Impfgegnerschaft in der COVID-19-Pandemie« und »The Rise of Antisemitism Online During the Pandemic: A Study of French and German Content«.

Richard Kuchta ist Analyst beim ISD. Er konzentriert sich auf die Forschung zu Wahlen, politischer Online-Kommunikation, Extremismus und Desinformation. Er arbeitet beim ISD an Projekten zur Erforschung des Online-Extremismus in verschiedenen Ländern wie der Slowakei, Tschechien und deutschsprachigen Ländern. Zuvor arbeitete er bei Globsec’s Democracy & Resilience Programm als Projektkoordinator, wo er an Projekten im Zusammenhang mit ausländischer Einflussnahme und Wahlbeobachtung beteiligt war. Er ist Autor des Forschungsberichts »Online Extremism in Slovakia: Actors, Topics, Platforms & Strategies«.

Dominik Hammer ist Research Manager beim ISD Germany. Er befasst sich mit der Analyse rechtsradikaler und rechtsextremer Onlineaktivitäten. Seine Schaffensgebiete sind Demokratietheorie, die Stärkung demokratischer Praxis sowie die Analyse antidemokratischer Bewegungen. Vor seiner Arbeit beim ISD Germany war Dominik Hammer in der universitären Forschung und Lehre und in der Erwachsenenbildung tätig. Er ist Co-Autor des ISD-Forschungsberichts »Fluchtwege. Wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz auf etablierten sozialen Medien durch die Verlinkung zu alternativen Plattformen umgangen wird«.

Christian Schwieter ist Project Manager bei ISD Germany und arbeitet in den Bereichen digitale Analyse und Digitalpolitik. Er erforscht die Auswirkungen von Online-Regulierung auf extremistische Akteur:innen und leitet ein dreijähriges Forschungsprojekt zum Thema Rechtextremismus auf alternativen Online-Plattformen. Vor seiner Tätigkeit für ISD forschte Christian Schwieter am Oxford Internet Institute und war Fachberater für Desinformationsfragen für den Digital-Untersuchungsausschuss des britischen Unterhauses.

Herausgeberische Verantwortung: Huberta von Voss, Executive Director ISD Germany. Der vorliegende Bericht ist im Rahmen des vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) geförderten Projektes »Radikalisierung in rechtsextremen Onlinesubkulturen entgegentreten« entstanden. Die inhaltliche Verantwortung liegt ausschließlich bei ISD Germany.

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Online Extremism in North Macedonia: Politics, Ethnicities and Religion

This report provides a baseline for the nature and scope of extremist, hateful and polarising narratives in the online ecosystem of North Macedonia. The report provides an overview of some of the most prominent extremist narratives across the political, ethnic, and religious spectrum in the country.