Überdosis Desinformation: Die Vertrauenskrise – Impfskepsis und Impfgegnerschaft in der COVID-19-Pandemie

Veröffentlichung: 08. Mai 2021
Autoren: Hannah Winter, Lea Gerster, Joschua Helmer & Till Baaken

Das Thema der öffentlichen Gesundheitsvorsorge ist zum Einfallstor und Inkubator für Verschwörungsideologen, Rechtsextremisten und Impfgegner geworden. Dieser Bericht des ISD Germany bietet erstmalig einen umfassenden Einblick in die digitalen Netzwerke der impfskeptischen Szene in Deutschland. Über 400.000 Posts von mehr als 1.000 Usern auf Facebook, Twitter, Instagram und Telegram wurden im Zeitraum vom 21. Dezember 2020 bis zum 5. April 2021 erhoben. Zusätzlich wurden 14 Experten aus dem Gesundheitssektor sowie aus Wissenschaft, Bildung und Kommunikation zum Thema Impfskepsis und impfstoffbezogenen Desinformationen befragt. Die Kerneinsicht ist dabei eindeutig: Die gezielte Beeinflussung der öffentlichen Impfdebatte ist in Teilen der Bevölkerung erfolgreich. Die vielfach auf Desinformationen beruhenden Positionen von Impfgegnern werden zunehmend normalisiert.

Auf Telegram stieg die Leserschaft verschiedener Kanäle um bis zu 471%. Auch auf einschlägigen Facebook-Seiten konnten im Zeitraum April 2020 bis April 2021 im Schnitt ein Wachstum von 21% auf insgesamt über 4.5 Millionen Follower verzeichnen; eine Entwicklung, die sich auch auf anderen Plattformen beobachten ließ. Dieser Zuwachs geht Hand in Hand mit der stetigen Vernetzung der führenden Köpfe der Szenen, von „Querdenkern“ bis zu Rechtsextremen, die sich auf ihren Seiten gegenseitig referenzieren und dadurch eine Illusion von Wissenschaftlichkeit erzeugen. Während innerhalb dieses Netzwerks eine ideologische Vielfalt existiert, sind die Grenzen zu allgemeinen Verschwörungsmythen und extremistischen Ideologien fließend. Inhaltlich zeichnen sich klar unterscheidbare Narrative ab, die genutzt werden, um einen größtmöglichen Vertrauensverlust in die Impfstoffe und die Politik zu erreichen. Besonders prävalent sind Narrative zu „Impftoten“, „Impfschäden“, zu dem Impfstoff AstraZeneca, zu einer „Impfpflicht“, zu einer Diskreditierung von Experten sowie zu Verschwörungsmythen. Mittelfristig gefährden Desinformationen und Misstrauen sowohl die politische Willensbildung, wie auch die rationale Entscheidungsfindung. Kurzfristig werden die Impfbestrebungen sowie die weiteren Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung erheblich erschwert.

Pressemitteilung (PDF, 731KB)

Hannah Winter
arbeitet als Analystin beim ISD im Bereich digitale Forschung und untersucht die Entstehung und Streuung von Desinformationen, Verschwörungsmythen und extremistischen Ideologien in den sozialen Netzwerken. Als Teil der ISD Election Monitoring Unit erforscht sie politische Online-Kommunikation, Desinformationskampagnen sowie Bestrebungen zur Beeinflussung von Wahlen. Sie ist Co-Autorin des ISD Forschungsberichts „Battle for Bavaria“. 

Lea Gerster
ist Analystin beim ISD. Sie befasst sich mit der Verbreitung von extremistischen Ideologien, Desinformation und Verschwörungsmythen im deutschen und englischen Sprachraum. Zuvor arbeitete sie zwei Jahre im Bereich der digitalen Extremismusbekämpfung bei Think Tanks und Beratungsfirmen in London. Sie ist Co-Autorin des ISD Forschungsberichts „Krise und Kontrollverlust“. 

Joschua Helmer
ist Berater für das ISD und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe „Politik der Digitalisierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Er arbeitet dort zum Thema der Digitalisierung, Demokratie und politischem Konflikt. Im Wissenstransfer kooperiert er mit Think Tanks, Stiftungen und anderen Akteuren der Zivilgesellschaft.

Till Baaken
ist Projektleiter beim ISD. Er befasst sich mit Rechtsextremismus und Islamismus sowie mit Desinformationen und Verschwörungsmythen im deutschen und englischen Sprachraum. Er hat unter anderem Artikel für das Journal for Deradicalisation und International Journal of Conflict and Violence verfasst und zu mehreren Büchern und Handbüchern zum Thema Radikalisierung und Deradikalisierung beigetragen. Zuvor arbeitete er im Bereich der Extremismusbekämpfung und Deradikalisierung in Deutschland.

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